Was für eine Zeit

Stefan Bischof

Für Eilige:
Rahmenbedigungen an meinem Berufskolleg – von Moodle zu Microsoft 365 – Mikrofortbildungen in der Breite – Zielgruppe Lehrer nach Kompetenzniveau und Auswahl des richtigen Kommunikationskanals – Mikrofortbildungen mit Grobplanung und offenem Format – Office-Sprechstunde im Schulalltag – Freiräume für sich selbst schaffen, um zu experimentieren – externe Schulungen auf Wahlbasis für einen breiteren Kollegenkreis: die OneNote Masterclass als Abonnement – Multiplikatoren – Im Präsenzunterricht einüben – wenn’s nicht funktioniert, ist es zu abstrakt

Seit dem ersten Lockdown im März ist eine Menge Wasser die Ruhr heruntergeflossen, wie wir aus dem Ruhrpott sagen.

Seitdem haben wir alle, die wir im lehrenden, hoffentlich eher im lernenden Geschäft unterwegs sind, eine Menge Erfahrungen gemacht, und kaum jemand hätte wohl gedacht, dass ein mieses Virus einerseits die Mängel und Missstände in Deutschland so schonungslos offenlegen würde, andererseits aber auch dafür sorgen würde, dass so viele Kolleginnen und Kollegen solche Fortschritte wie in den letzten Monaten machen würden. Was für mich und an meiner Schule funktioniert, will ich im Folgenden beschreiben. Vielleicht ist für Sie und Euch etwas Nützliches dabei.

Meine Rahmenbedingungen

Zu den Rahmenbedingungen: Ich arbeite an einem Berufskolleg in Lippe mit ca. 120 Lehrerinnen und Lehrern und ca. 2100 Schülerinnen und Schülern in Teil- und Vollzeit. Ich selbst unterrichte (kaufmännisches) Englisch und die gängigen Wirtschaftsfächer, zurzeit ausschließlich BWL und Rechnungswesen. Dabei ist die Bandbreite der Bildungsgänge recht groß: Englisch und BWL in der Handelsschule (Ziel: FOR), IT-Englisch im Rahmen der dualen Berufsausbildung und Englisch in der Fachschule für Wirtschaft, also Erwachsenenbildung im Abendbereich.

Zentrale Tools und Ergänzungen

An meinem BK haben wir lange Moodle als Lernplattform genutzt, was sich aber in der Breite nicht wirklich durchgesetzt hat, so meine Wahrnehmung. Wir haben Moodle zwar noch, aber der Zuspruch zu Microsoft 365 ist unter Kolleginnen und Kollegen so groß, dass ersteres eine immer geringere Rolle spielt.

Seit wir im März-Lockdown zur Improvisation gezwungen wurden, haben meine Kolleginnen und Kollegen und auch ich eine Reihe Mikrofortbildungen gestartet, die meistens Microsoft Teams und OneNote behandelt haben, aber es ging auch um andere Tools, z.B. Padlet (das ich bei Wendy Tapp kennengelernt habe, danke, Wendy!), Lernvideos mit mysimpleshow, eine digitale Methodenkiste, zu der auch Etherpads zum kollaborativen Arbeiten gehörten usw.

Was aus meiner Sicht funktioniert hat

Definition der Zielgruppe und Auswahl des passenden Kommunikationskanals

Nach meiner Wahrnehmung hat es sich gelohnt, sich bei meinen Mikrofortbildungen auf die KuK zu konzentrieren, die noch nicht so fit in den digitalen Tools sind. Ich habe also kurz vor den Sommerferien vier Mikrofortbildungen angeboten, welche die Grundlagen von Teams und OneNote behandelt haben, und zwar stets mit identischem Inhalt. Über das hauseigene Mailsystem habe ich das Angebot gemacht und um namentliche Einzelanmeldung gebeten – per Mail, weil dies das gängige Kommunikationstool war. Das ändert sich gerade, doch dazu unten mehr. Wer sich angemeldet hat, bekam über Microsoft Teams den Einladungslink und den Eintrag in den Teams-Kalender. Alle, die sich angemeldet hatten, waren auch dabei.

Offene Formate mit grober Planung

Die Sommerferien standen kurz vor der Tür, und in sechs Wochen geht viel verloren. Es war also sinnvoll, in der letzten Ferienwoche das Gelernte mit noch einmal drei Mikrofobis aufzufrischen. BTW, ich habe wenig vorgemacht, sondern stets Teilnehmer gebeten, ihren Bildschirm mit allen zu teilen. Nach meinem und dem Input der anderen Teilnehmer entwickelte sich die Fortbildung, es gab also bei mir kein Skript, sondern lediglich einen groben Fahrplan. So entwickelten sich recht dynamische Veranstaltungen, was freilich dazu führte, dass ich nicht alle Antworten auf gestellte Fragen parat hatte und selbst angehalten war, mich weiter schlau zu machen. Die Resonanz war positiv.

Einzelbetreuung und Hilfsangebote im Schulalltag: Office-Sprechstunde

Meine Stelle bringt es mit sich, dass ich Microsoft 365 an unserem BK mit verwalte, sodass die Einzelbetreuung von KuK und SuS zu meinen Tätigkeiten gehört. Wann immer also eine Schülerin oder ein Kollege Probleme hat, biete ich eine Office-Sprechstunde an. Diese funktioniert in Präsenzzeiten nach dem Notarzt-Prinzip: Wer behandelt werden möchte, kommt in die Sprechstunde, diese ist fixiert, Ausnahmen werden nur bei dringendem Bedarf gemacht.

Freiräume schaffen

Um das bewältigen zu können, gehören neben der eigenen Abgrenzungsfähigkeit auch Freiräume dazu, in denen ich experimentieren kann. Für mich gehören Bildungsgänge ohne Abschlussprüfung dazu, d.h. ich bin bis auf eine Ausnahme zurzeit in der glücklichen Situation, dass ich meine Fächer in Bildungsgängen unterrichte, in denen keine zentrale Abschlussprüfung für mich ansteht.

Externe Schulungen auf Wahlbasis einbinden

Vorsicht, Werbung!  Da meine KuK und ich selbst Lernende sind, habe ich bei meiner Schulleitung dafür geworben, dass wir eine Schullizenz der OneNote Masterclass bekommen. Kurt Söser aus Steyr, Österreich, seines Zeichens OneNote-Guru, hat vor einigen Monaten eine Website entworfen, auf der er sein Wissen um OneNote weitergibt – an zahlende Kunden, die aber erhebliche Rabattabschläge erhalten können, wenn es sich um Schullizenzen handelt. So haben wir nun 20 Lizenzen, die im Kollegium rotieren können, wenn sich jemand nicht mehr dafür interessiert und jemand anderes auf den Zug aufspringen möchte. Meine Hoffnung dabei ist, dass sich ein Kreis von KuK entwickelt, die auf freiwilliger Basis ihr Wissen nach und nach im Kollegium informell verteilen – Multiplikatoren halt!

Im Präsenzunterricht einüben

Ich unterrichte eine Handelsschule II mit dem Ziel der Fachoberschulreife. Unsere SuS kommen in diesem Bildungsgang oft von Hauptschulen, Sekundar- und Gesamtschulen. Insgesamt ist das eine Schülerschaft, die recht unselbständig ist, und viele haben von zu Hause nicht die besten Lernvoraussetzungen mit auf den Weg bekommen. Nachdem wir einige der obigen Tools im Präsenzunterricht seit Beginn des Schuljahres eingeübt hatten, bin ich zufrieden damit, wie meine SuS am Distanzunterricht teilnehmen, wenn ich bedenke, dass Lernen für einige meiner SuS nicht selbstverständlich ist. Endgeräte haben diejenigen aus dem NRW-Landesprogramm bekommen, die zu Hause keine hatten. (Wie aus Distanzunterricht wirklich Lernen wird, ist die nächste Frage.)

Was für mich nicht funktioniert hat

Der pädagogische Tag vor einem knappen Jahr markierte den Startschuss für unsere Mikrofortbildungen. Ich erinnere mich an eines meiner Angebote, welches fast komplett ignoriert wurde: der Aufbau eines privaten Lernnetzwerks (PLN) über das Twitterlehrerzimmer. Mir erschien das logisch, da ich die Vernetzung mit Kolleginnen und Kollegen anderer Schulen und Regionen für wertvoll und motivierend halte. Falsch gedacht! Im Nachhinein vermute ich, dass die Idee zu abstrakt war und mit dem Unterrichtsalltag meiner KuK wenig zu tun hatte.

Ihr kennt vermutlich das Experiment, wenn jemand einen Song klopft und die Zuhörer ihn erraten sollen. Der Klopfer hat die Melodie im Kopf, die Zuhörer nicht, was es für den Klopfer kinderleicht, für die Zuhörer aber fast unmöglich macht, anhand des Rhythmus den Song zu erraten. Die Klopfer wurden vorab nach ihrer Einschätzung gefragt, wieviel Prozent der Songs wohl richtig erraten würden. Sie sagten 50% voraus. Erraten wurden – 2,5%! Warum liegen die Klopfer so gründlich daneben? Die einfache Antwort: Sie haben die Melodie im Kopf und können sich nicht vorstellen, wie es ist, die Melodie nicht zu kennen.

Wenn wir also KuK in ihrem konkreten Alltag abholen und ihnen einfache Tools geben, mit denen sie ihre Arbeit erledigen können, werden diese Angebote angenommen. Zuweilen haben sich im Anschluss von Beratungen während meiner Office-Sprechstunde Gespräche ergeben, in denen kritische Fragen gestellt werden wie „Du schreibst keine Online-Tests?“ oder „Du benutzt das Aufgabentool in Teams nicht?“ Dies gibt mir dann die Gelegenheit, meinen Standpunkt zu erklären und u.a. den wesentlichen Unterschied zwischen Unterricht und Lernen darzulegen.

Seit dem zweiten Lockdown läuft bei uns der Unterricht nun digital weiter. Ich bin zufrieden, dass es funktioniert, nicht aber damit, dass so oft noch Frontalunterricht digital abgebildet wird. Menschen und Systeme tun halt immer das, was sie schon immer getan haben. Erst einmal muss ich das aushalten – widersprechen kann ich dort, wo sich die Gelegenheit aus einem Gespräch heraus ergibt.

Die Gelingensbedingungen für den digitalen Wandel in unseren Schulen lassen sich noch aus anderen Blickwinkeln beleuchten. Als BWLer fällt mir das Change Management ein, eine eigene Teildisziplin der BWL. Aber das ist ein anderer Artikel.

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