Das gläserne Klassenzimmer

Gedanken zu einer veränderten Lehrer*innenrolle in Zeiten des Hybridlernens

Wie geht es nach den Sommerferien in Deutschlands Schulen weiter? Wenn die aktuellen Bedingungen (Hygienevorschriften, Abstandsregeln, Einsatz von Risikogruppen etc.) weiter bestehen bleiben, dann müssen die Schulen Voraussetzungen dafür schaffen, dass der Unterricht sowohl vor Ort als auch auf Distanz sinnvoll und angemessen gestaltet werden kann (z. B. im Sinne der Impulse zum Lernen auf Distanz aus NRW). Erste organisatorische Konzeptideen gibt es bereits, zum Beispiel vom Gymnasium Harsewinkel oder von Philippe Wampfler.

Neben der Frage, wie das sogenannte „Hybridlernen“ räumlich, zeitlich und technisch zu realisieren ist, sollte es darüber hinaus ein zentrales Anliegen aller Beteiligten sein, die Lehrenden darin zu unterstützen ihre eigene Rolle im „gläsernen Klassenzimmer“ zu finden, zu reflektieren und sich und ihren Unterricht bewusst nach außen hin zu öffnen.

Denn die Motivation und Fähigkeit der Lehrenden, den eigenen Unterricht so offen zu gestalten, dass sie den Schüler*innen ein Maximum an Transparenz und Partizipationsmöglichkeiten bieten können, ist zugleich Voraussetzung für eine nachhaltige Überprüfung des eigenen Rollenverständnisses: Wünschenswert ist, dass die Öffnung des Unterrichts ganz grundsätzlich mit einer offenen Haltung einhergeht, so dass die Kolleg*innen auch über die aktuelle Situation hinaus bereit sind, sich mit anderen zu vernetzen, Unterstützungsangebote anzunehmen, verschiedene Perspektiven mit anderen zu diskutieren oder gemeinsam an Unterrichtsmaterial und -projekten zu arbeiten.

Die Bereitschaft, sich und den eigenen Unterricht zu öffnen, kollidierte auch schon vor Corona mit dem Wunsch nach Kontrolle und der Angst, sich angreifbar zu machen. Im schlimmsten Fall können negative Erfahrungen, die momentan mit der Öffnung des Unterrichts verknüpft sind, dazu führen, dass Vorbehalte gegen das Blended Learning verstärkt werden und man nach der Coronakrise in alte Muster zurückfällt, in denen Lehrende die „Hoheit“ über ihren Unterricht behalten, Türen meistens geschlossen sind und unangemeldeten Besuchern (z. B. Referendar*innen) der Besuch im Klassenzimmer verwehrt wird.

Dass Aufgaben, Material, Kommunikationswege etc. mehr als sonst für alle Beteiligten transparent und verpflichtend offenzulegen sind, darf nicht als Hindernis wahrgenommen, sondern sollte als eine Art Befreiungsschlag empfunden werden: Die Erwartung an die Lehrenden, Kontrolle über ihren Unterricht zum Teil abzugeben und sich selbst als Person zu „veröffentlichen“, kann zu einer neuen Lern- und Lehrkultur beitragen. Das kann jedoch nur gelingen, wenn an den richtigen Stellen Überzeugungsarbeit geleistet wird und die (institutionellen) Voraussetzungen für positive Erfahrungen geschaffen werden. 

Wenn auch nach den Ferien die Hälfte der Klasse entweder zuhause oder im Nebenraum sitzt, müssen Möglichkeiten gefunden werden, einerseits das Klassenzimmer im eigentlichen, aber auch im übertragenen Sinne zu öffnen und andererseits die Lehrenden bei diesem „Transformationsprozess“ so gut es geht zu unterstützen.

Dies geschieht bereits auf vielen Ebenen:

Öffnung innerhalb der Schule

  • Kollaboratives Arbeiten im Kollegium, z. B. in Fach- oder Jahrgangsteams
  • Kurs- und klassenübergreifendes Arbeiten z.B. in Form gemeinsamer (digitaler) Projekte
  • Teilnahme an schulinternen Mikrofortbildungen
  • Durchführung von Webinaren für Kolleg*innen

Öffnung nach außen

  • Regionale Netzwerktreffen
  • Schulübergreifende Projekte (Vernetzung von benachbarten Schulen)
  • Erstellen von Erklärvideos für die Schüler*innen
  • Initiieren eines Grußvideos für Eltern und Schüler*innen von Seiten des Kollegiums
  • Regelmäßig Feedback bei Schüler*innen und Eltern einholen
  • Teilnahme an externen Fortbildungen, Webinaren, Barcamps
  • Positionierung in Sozialen Medien (z. B. über einen eigenen Blog oder bei Twitter)

Damit die Lehrer*innen diese Angebote trotz der aktuellen Belastungen wahrnehmen (wollen), müssen sie bereit sein, für den eigenen Lernprozess Verantwortung zu übernehmen, Schwächen zuzulassen und sich mit anderen zu vernetzen. Indem man sich als Lehrperson der (Schul)Öffentlichkeit anvertraut, macht man sich (an)greifbar. Durch diese Öffnung kann sich aber langfristig der Unterricht verbessern, man leistet wichtige Beziehungsarbeit und ist außerdem ein Vorbild für die Schüler*innen, von denen im Moment mehr als sonst erwartet wird, dass sie selbstorganisiert arbeiten und lernen.

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